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Attualizzato il 22 set 2026

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DiscorsoPubblicato il 22 ottobre 2026, aggiornato il 23 ottobre 2026

«Una breve statistica dell’incertezza»

Basilea, 22.10.2026 — Discorso del consigliere federale Martin Pfister, capo del Dipartimento federale della difesa, della protezione della popolazione e dello sport (DDPS), in occasione di un evento organizzato dalla Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft di Basilea. Basilea, giovedì 22 ottobre 2026.

Fa fede la versione orale

Sehr geehrte Damen und Herren

Für einen Bundesrat ist eine Einladung zur Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Basel offenbar so etwas wie eine statistische Signifikanzprüfung.

Ein Blick in Ihre Jahrbücher zeigt: Bei Ihnen waren Bundesräte fast aller Generationen und Departemente zu Gast. Als amtsjüngster Bundesrat bereits in diese Reihe aufgenommen zu werden, ist eine Ehre. Man könnte sogar zum Schluss kommen: Wer nie bei Ihnen vorgesprochen hat, ist möglicherweise gar kein richtiger Bundesrat, sondern nur ein statistischer Zufall.

Ihre Gesellschaft wurde 1870 gegründet. Sie wirkte damals an der Volkszählung mit. Dahinter stand eine Idee, die älter ist als Ihre Gesellschaft und tief in der Aufklärung wurzelt: Wer die Verhältnisse verbessern will, muss sie zunächst kennen.

Man begann zu zählen, um vernünftiger handeln zu können.

  • Wie viele Menschen leben in unserem Land?
  • Was produziert die Landwirtschaft?
  • Wo wächst Wohlstand, wo entsteht Armut?

Erlauben Sie mir deshalb, an die Tradition Ihrer Gesellschaft anzuknüpfen: Mit einer kleinen statistischen Bestandesaufnahme.

Nicht über Bevölkerung und Landwirtschaft.

Sondern eine kleine Statistik der Unsicherheit

  • Drei Viertel der Menschheit lebt heute in autokratisch regierten Staaten.
  • Die Zahl der zwischenstaatlichen Konflikte hat sich innert zwei Jahren vervierfacht.
  • Seit 2016 sind die realen weltweiten Militärausgaben um 41 Prozent gestiegen. Die Welt gibt inzwischen fast 2'900 Milliarden Franken pro Jahr für ihre Streitkräfte aus. Das sind rund 8 Milliarden Franken, jeden Tag.
  • Und noch eine Ziffer: 50 Grad Celsius. Nicht unbedingt eine Temperatur, bei der man an Tiefkühlkost denkt. Was diese Zahl mit unserer Sicherheit zu tun hat, erzähle ich Ihnen später.

Was sagt uns diese Statistik?

Man könnte aus diesen Zahlen einen einfachen Schluss ziehen: Der Krieg ist zurück.

Aber dieser Schluss wäre zu einfach.

Russland hat nach Schätzungen des Internationalen Instituts für Strategische Studien allein 2024 mehr als 1'500 Kampfpanzer neu gebaut oder aus alten Beständen wiederaufbereitet.

Doch das ist erst die halbe Geschichte.

Russland stört zugleich Satellitensignale, beeinflusst Wahlen mit Desinformation und späht kritische Infrastrukturen aus.

Anderswo werden Unterseekabel beschädigt und billige Drohnen tragen Sprengstoff gegen Ziele, deren Schutz Millionen kostet.

Der Panzer ist nicht verschwunden, weil es die Drohne gibt. Die Artillerie nicht, weil es Cyberangriffe gibt. Und der klassische Krieg nicht, weil Staaten heute auch mit Desinformation, Sabotage und Cyberangriffen operieren.

Das Kennzeichen unserer Zeit ist nicht die Ablösung des alten Krieges durch einen neuen. Es ist die Gleichzeitigkeit beider.

Das stellt uns vor eine Schwierigkeit, die auch die Gründer Ihrer Gesellschaft beschäftigt hätte. Wie treffen wir vernünftige Entscheidungen, wenn wir die Verhältnisse zwar immer genauer erkennen, aber ihre weitere Entwicklung nicht zuverlässig vorhersagen können?

Genau vor dieser Herausforderung steht die Sicherheitspolitik.

Von der Unsicherheit zur Sicherheitspolitik

Ein Staat muss sich auf verschiedene Entwicklungen gleichzeitig vorbereiten. Er muss entscheiden, welche Risiken er tragen kann und vor welchen er sich schützen muss. Und er muss heute Entscheide treffen, deren Wirkung sich vielleicht erst in zehn Jahren zeigt – oder gar nicht einstellt.

Das ist die Ausgangslage der neuen Sicherheitspolitischen Strategie, die der Bundesrat am 18. September dieses Jahres verabschiedet hat.

Sie ist keine Prognose darüber, wie die Welt in fünf oder zehn Jahren aussehen wird. Sie legt vielmehr fest, worauf sich die Schweiz vorbereiten muss: Auf Krisen und Katastrophen. Auf Cyberangriffe und Sabotage. Auf Angriffe mit Drohnen und Raketen. Und letztlich auch auf einen bewaffneten Angriff.

Der Bundesrat verfolgt dabei drei Ziele:

  • Erstens: Wir müssen die Schweiz widerstandsfähiger machen. Damit unser Land auch dann funktioniert, wenn einzelne Systeme ausfallen oder angegriffen werden.
  • Zweitens: Wir müssen uns besser schützen. Angriffe frühzeitig erkennen, abwehren und ihre Folgen begrenzen.
  • Drittens: Wir müssen unsere Verteidigungsfähigkeit stärken. Damit wir uns im Ernstfall möglichst lange aus eigener Kraft verteidigen können. Und, wenn nötig, gemeinsam mit Partnern.

Diese Ziele sind nachvollziehbar. Doch zwischen dem sicherheitspolitischen Notwendigen und dem politisch Machbaren liegt bisweilen eine grosse Kluft. Sicherheit kostet Geld. Und wir müssen dieses Geld ausgeben, bevor wir wissen, ob und wann wir die damit geschaffenen Fähigkeiten tatsächlich brauchen werden. Bereits die abschreckende Wirkung ist ein wesentlicher Teil des Nutzens.

Der Nutzen zeigt sich möglicherweise gerade darin, dass etwas nicht geschieht. Ob mein Haus in zehn Jahren brennt, weiss ich nicht. Ich hoffe es nicht. Aber die Versicherungsprämie bezahle ich schon heute - Jahr für Jahr.

Wo liegen die Schadenrisiken der Schweiz?

Nicht nur dort, wo wir Grenzen, Flugplätze oder Kraftwerke schützen. Sondern mitten in unserem Alltag. Besonders dort, wo er digital geworden ist.

Ein aktuelles Beispiel: Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass bei einem Cyberangriff auf einen Softwarelieferanten der Pensionskasse des Bundes PUBLICA Daten abgeflossen sind. Betroffen sein könnten auch sensible Personendaten: Von der AHV-Nummer bis zu Angaben über Lohn und Vorsorgeguthaben.

Bemerkenswert daran ist: Angegriffen wurde nicht die Pensionskasse selbst, sondern ein Unternehmen, das für sie arbeitet.

Das zeigt eine der grossen Schwierigkeiten unserer Zeit: Wir können unsere eigenen Systeme schützen. Aber unsere Sicherheit hängt zunehmend auch von Systemen ab, die wir weder besitzen noch selbst betreiben.

Das gilt nicht nur für Pensionskassen. Es gilt ebenso für Spitäler, Banken, Energieversorger und staatliche Behörden. Und selbst für unseren Backofen, den wir bequem vom Büro aus per App bedienen können.

Die Schweiz ist eine hochentwickelte, digital vernetzte Volkswirtschaft. Das macht uns leistungsfähig und wohlhabend. Aber auch verwundbar.

Denn unsere Systeme sind nicht nur miteinander verbunden. Sie sind voneinander abhängig. Wird ein Spital durch einen Cyberangriff lahmgelegt, betrifft das nicht nur seine Informatik, sondern die Versorgung seiner Patienten.

Das Neue daran ist nicht, dass es Sabotage, Spionage oder Erpressung gibt. Das gab es schon immer. Neu sind die Möglichkeiten, die Reichweite und das Tempo.

Ein Angreifer muss nicht mehr Zäune übersteigen und Türen aufbrechen, um Schaden anzurichten. Er kann Tausende Kilometer entfernt sitzen. Und von dort unbehelligt Daten stehlen, Informationen manipulieren und Systeme stören.

Erinnern Sie sich an die 50 Grad Celsius vom Anfang meiner Rede?

In der Nacht auf den 12. Oktober wurden die Kühlanlagen von Hunderten französischen Supermärkten angegriffen. Unbekannte drangen in ihre digitale Steuerung ein und schalteten die Anlagen auf Abtauen. In einzelnen Geschäften stieg die Temperatur auf bis zu 50 Grad. Als die Angestellten am Morgen zur Arbeit kamen, mussten sie grosse Mengen verdorbener Lebensmittel entsorgen.

Ein Cyberangriff auf Tiefkühltruhen. Das klingt beinahe komisch. Für die betroffenen Unternehmen war es alles andere als lustig.

Was in Frankreich geschehen ist, könnte auch bei uns passieren.

Und oft wissen wir zunächst nicht einmal, wer dahintersteckt.

Es können Kriminelle sein, die Geld erpressen wollen. Nachrichtendienste, die Informationen beschaffen. Oder andere staatliche Akteure, die gezielt Druck auf unsere Gesellschaft ausüben.

Gerade Letztere nutzen die Ungewissheit über ihre Urheberschaft.

Das ist eine der Schwierigkeiten hybrider Konfliktführung: Der Angreifer handelt, während der Angegriffene noch herauszufinden versucht, was eigentlich geschehen ist.

Was heisst das für unsere Sicherheitspolitik?

  • Wir müssen Angriffe möglichst früh erkennen.
  • Wir müssen kritische Systeme besser schützen.
  • Und wir müssen dafür sorgen, dass unser Land auch dann handlungsfähig bleibt, wenn einzelne Systeme ausfallen.

Der Staat kann dafür Regeln setzen und eigene Fähigkeiten aufbauen. Aber er kann nicht jedes Spital, jedes Unternehmen und jede Gemeinde vor einem Cyberangriff bewahren. Sicherheit ist eine gemeinsame Verantwortung.

Und diese Aufgabe wird nun noch anspruchsvoller.

Damit komme ich zur vielleicht folgenreichsten technologischen Entwicklung unserer Zeit.

Künstliche Intelligenz – wer behält die Kontrolle?

Meine Damen und Herren,

wir sprechen viel darüber, was künstliche Intelligenz eines Tages können wird. Dabei ist bereits bemerkenswert, was sie heute kann.

Sie übersetzt in Sekunden ganze Texte. Sie erkennt Muster in riesigen Datenmengen. Sie erzeugt Bilder und Stimmen und soll inzwischen sogar politische Vorstösse verfassen können. Kurz: Sie erledigt Aufgaben, für die Menschen bisher Stunden oder Tage brauchten.

Das eröffnet enorme Möglichkeiten, aber auch Gefahren. Für die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Medizin. Aber eben auch für die Sicherheitspolitik.

Beginnen wir mit den Gefahren.

Ein Betrüger, der Ihre Mutter anruft, muss künftig weder Schweizerdeutsch sprechen noch wie ihre Tocher oder ihr Sohn klingen. Eine KI kann beides für ihn übernehmen. Damit verliert selbst das Schweizerdeutsche seine Funktion als natürliche «Firewall». Stimmen lassen sich täuschend echt nachahmen, Bilder und Videos künstlich erzeugen. Und es wird schwieriger, unseren eigenen Ohren und Augen zu trauen.

Auch Cyberangriffe verändern sich. KI hilft, Schwachstellen in Software aufzuspüren, Schadprogramme anzupassen und Betrugsversuche mit gestohlenen Personendaten gezielter vorzubereiten.

Wie weit diese Entwicklung reichen könnte, hat vergangene Woche der Chef des britischen Inlandnachrichtendienstes MI5 in London aufgezeigt.

Er warnte davor, dass künstliche Intelligenz künftig auch Terroristen helfen könnte, biologische Waffen zu entwickeln. Fähigkeiten, für die bisher hoch spezialisiertes Wissen erforderlich war, könnten damit leichter zugänglich werden.

Noch ist das eine mögliche Entwicklung, keine eingetretene Tatsache. Aber sie zeigt, dass KI nicht nur bestehende Gefahren vergrössern, sondern auch neue schaffen kann.

Doch das ist nur die eine Seite. Nebst den Gefahren entstehen auch neue Möglichkeiten.

Dieselbe Technologie kann uns helfen, Angriffe früher zu erkennen. KI kann grosse Mengen von Netzwerkdaten auswerten und ungewöhnliche Aktivitäten entdecken, die einem Menschen vielleicht entgehen würden.

Auch für die Armee eröffnen sich neue Möglichkeiten. Wo früher Soldaten stundenlang Luftbilder verglichen, kann KI heute Veränderungen innerhalb kurzer Zeit sichtbar machen – etwa neue Stellungen oder ungewöhnliche Fahrzeugbewegungen.

Die Frage lautet deshalb nicht, ob wir künstliche Intelligenz einsetzen sollen. Sondern wo, wie und unter welchen Bedingungen.

Damit sind wir bei einer zweiten Herausforderung.

Die Schweiz ist ein hervorragender Forschungs- und Innovationsstandort. Unsere Hochschulen entwickeln eigene KI-Modelle. Wir verfügen über international anerkannte Forschung und innovative Unternehmen. Aber wir sind keine KI-Grossmacht. Und wir müssen auch keine werden. Die leistungsfähigsten Modelle, grosse Teile der Recheninfrastruktur und die Herstellung der modernsten Chips konzentrieren sich auf wenige Unternehmen und Staaten.

Gerade bei den modernsten Halbleitern zeigt sich, wie stark die technologische Entwicklung von wenigen Herstellern abhängt.

Das schafft Abhängigkeiten. Stellen Sie sich vor, eine Schweizer Behörde nutzt für wichtige Aufgaben ein KI-System eines ausländischen Anbieters. Eines Tages ändert dieser seine Geschäftsbedingungen. Oder eine ausländische Regierung beschränkt den Zugang. Vielleicht fällt der Dienst auch einfach aus.

Dann stellt sich plötzlich eine sehr praktische Frage: Funktioniert unsere Verwaltung noch? Können wir die Daten weiterhin bearbeiten? Und haben wir überhaupt eine Alternative?

Es geht nicht darum, dass die Schweiz jede Technologie selbst entwickeln muss. Das wäre weder realistisch noch wirtschaftlich vernünftig.

Aber wir müssen unsere Abhängigkeiten kennen. Entscheiden, welche wir eingehen können und wo wir eigene, autonome Systeme benötigen.

Das ist eine Frage der digitalen Souveränität. Nicht im Sinne vollständiger Unabhängigkeit. Sondern im Sinne politischer Handlungsfähigkeit. Deshalb arbeitet der Bund daran, seine digitalen Infrastrukturen widerstandsfähiger zu machen. Dazu gehört auch die Swiss Government Cloud, mit der Bundesbehörden Cloud-Dienste sicherer und bedarfsgerechter nutzen können.

Und schliesslich stellt uns KI vor eine dritte, vielleicht noch grundlegendere Frage.

Wer trägt die Verantwortung, wenn Maschinen zunehmend an Entscheidungen beteiligt sind?

In der Wirtschaft ist das eine Frage der Haftung. In der Verwaltung eine Frage der Rechtsstaatlichkeit. In der Armee kann es eine Frage von Leben und Tod sein.

KI kann helfen, Ziele zu erkennen, Informationen auszuwerten und Entscheidungen vorzubereiten. Aber sie kann sich (wie Menschen und Bundesräte) auch irren. Und je schneller die Systeme arbeiten, desto grösser ist die Gefahr, dass wir ihre Ergebnisse ungeprüft übernehmen.

Deshalb vertritt die Schweiz einen klaren Grundsatz: Menschen müssen beim Einsatz militärischer Gewalt die notwendige Kontrolle behalten und dafür verantwortlich bleiben. Das humanitäre Völkerrecht gilt auch dann, wenn künstliche Intelligenz eingesetzt wird.

Die entscheidende sicherheitspolitische Frage ist vielleicht nicht, ob Maschinen eines Tages die Kontrolle übernehmen.

Sondern wer heute die Kontrolle über sie hat.

Und ob wir sie morgen noch behalten.

Was die Schweiz allein kann – und was nicht

Die Schweiz kann viel für ihre Sicherheit tun. Aber nicht allein.

Das gilt für Cyberangriffe ebenso wie für künstliche Intelligenz. Und erst recht für die militärische Verteidigung.

Wenn ein Schweizer Unternehmen angegriffen wird, ist die gleiche Angriffsmethode möglicherweise bereits in Deutschland oder Frankreich aufgetaucht. Der Angriff auf die französischen Kühlanlagen zeigt, weshalb das wichtig ist: Verschiedene Handelsketten verwendeten teilweise dieselbe verwundbare Steuerungstechnik. Wer solche Schwachstellen und Angriffsmethoden rechtzeitig kennt, kann andere warnen und Schäden verhindern helfen.

Zusammenarbeit ist deshalb keine ideologische Frage. Sie ist eine Notwendigkeit.

Das gilt auch für unsere Armee.

Raketen, Drohnen und Cyberangriffe halten sich nicht an Landesgrenzen. Ihre Abwehr verlangt Fähigkeiten, die selbst grössere europäische Staaten nicht durchwegs allein bereitstellen können.

Deshalb will der Bundesrat die Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern vertiefen. Mit der Europäischen Union streben wir eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft an. Mit der NATO arbeiten wir dort zusammen, wo es unseren Sicherheitsinteressen dient und mit unserer Neutralität vereinbar ist.

Diese Zusammenarbeit ist mit unserer Neutralität vereinbar, solange wir deren rechtliche Verpflichtungen einhalten.

Die Schweiz entscheidet selbst, welche Formen der Zusammenarbeit sie eingeht und welche Verpflichtungen sie übernimmt.

Am 27. September haben die Schweizer Stimmberechtigten die Neutralitätsinitiative deutlich abgelehnt.

Ich verstehe dieses Resultat nicht als Absage an die Neutralität. Sondern als Auftrag, unseren sicherheitspolitischen Handlungsspielraum verantwortungsvoll zu nutzen. Selbstverständlich im Rahmen unserer Neutralität.

Wir können nicht erwarten, dass andere Staaten unsere Sicherheit gewährleisten, während wir die eigene Verteidigungsfähigkeit vernachlässigen.

Deshalb gehören zwei Dinge zusammen: eine Armee, die ihren Auftrag erfüllen kann, und die Fähigkeit, im Ernstfall mit Partnern zusammenzuarbeiten.

Das setzt voraus, dass unsere Streitkräfte miteinander kommunizieren, gemeinsame Verfahren anwenden und regelmässig zusammen üben können. All das muss vorbereitet werden – lange bevor eine Krise eintritt.

Das gilt nicht nur für unsere Armee, sondern auch für unsere Rüstungsindustrie.

Am 29. November stimmen wir über die Revision des Kriegsmaterialgesetzes ab. Bundesrat und Parlament empfehlen, diese Änderung anzunehmen.

Es geht dabei um eine grundlegende sicherheitspolitische Frage: Wie kann die Schweiz ihre eigene Rüstungsindustrie erhalten und ein verlässlicher Partner europäischer Staaten bleiben?

Die geltenden Exportbeschränkungen erschweren diese Zusammenarbeit. Die Revision soll deshalb den Handlungsspielraum erweitern, ohne die Verpflichtungen aus dem Neutralitätsrecht und dem humanitären Völkerrecht aufzugeben.

Die Befürworter sehen darin eine Voraussetzung, um unsere industrielle Verteidigungsfähigkeit zu erhalten und im Krisenfall weiterhin Zugang zu wichtigen Rüstungsgütern zu haben. Die Gegner befürchten, dass die Lockerungen die Kontrolle über Schweizer Waffenexporte schwächen.

Für den Bundesrat steht die Frage im Zentrum, wie wir unsere Sicherheit langfristig gewährleisten können – gerade als neutraler Staat, der keinem Verteidigungsbündnis angehört.

Meine Damen und Herren

die Schweiz braucht beides: eine glaubwürdige eigene Verteidigung und verlässliche internationale Zusammenarbeit. Aber wer von Kooperation profitieren will, muss selbst etwas beitragen können.

Die Verantwortung, trotz Unsicherheit zu handeln

Basel wurde geprägt vom Wirken der Bernoullis, von Euler, von Isaak Iselin. Von der Überzeugung, dass sich die Welt mit Wissen und Vernunft besser verstehen lässt.

Ich habe meine Rede mit einer kleinen Statistik der Unsicherheit begonnen.

Heute verfügen wir über ungleich mehr Daten.

Ob wir deshalb die Welt besser verstehen, ist eine andere Frage.

Das Problem der heutigen Sicherheitspolitik ist jedenfalls nicht ein Mangel an Daten: Wir sehen die Aufrüstung. Wir registrieren Cyberangriffe. Wir beobachten Sabotage und Desinformation. Wir kennen die Entwicklung der militärischen Fähigkeiten.

Die Signale sind da. Doch Daten allein schaffen noch keine Sicherheit.

Man muss auch bereit sein, aus ihnen Konsequenzen zu ziehen.

Gerade die Schweiz tut sich damit nicht immer leicht. Wir durften lange im Windschatten der Weltgeschichte leben. Vieles, was andere Länder unmittelbar erfahren mussten, blieb uns erspart.

Vielleicht erklärt das, weshalb wir neue Bedrohungen zwar zur Kenntnis nehmen, aber ihre Bedeutung für die Schweiz bisweilen unterschätzen.

Umso dankbarer bin ich für Institutionen wie die Ihre. Für Menschen, die den Geist der Aufklärung lebendig halten. Besonders in einer Zeit, in der Fakten bisweilen zu Glaubensfragen erklärt und Glaubenssätze zu Fakten erhoben werden.

Doch selbst die beste Statistik nimmt uns die politische Entscheidung nicht ab. Wir dürfen nicht warten, bis jedes Risiko zur Gewissheit geworden ist.

Messen. Erkennen. Abwägen. Handeln.

Das ist unsere Aufgabe.

Das ist mehr als Statistik. Das ist politische Verantwortung.

Ich danke Ihnen, dass Sie mich dabei unterstützen.